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Das Mobbingsyndrom, eine eigenständige Diagnose?

Kritische Bestandsaufnahme

Mobbing im Arbeitsleben ist immer nur dann möglich, wenn es von Betrieben selbst aktiv praktiziert oder zumindest geduldet wird. Mobbing darf bisher als von Menschen verursachter Psychoterror in Deutschland weitgehend sanktionslos ausgeübt werden. Während in Frankreich die Gesetzgebung betreffend Mobbing weit vorangeschritten ist und Mobbing am 24.05.2001 von der Pariser Nationalversammlung mit bis zu einem Jahr Gefängnis oder mit einer Geldbuße von 100.000 Francs (ca. DM 30.000 = 15.000 Euro) unter Strafe gestellt worden ist (7) sieht der deutsche Gesetzgeber keinen derartigen Handlungsbedarf. Der deutsche Gesetzgeber verweist auf andere bereits bestehende gesetzliche Grundlagen (Strafgesetzbuch, Bürgerliches Gesetzbuch, Arbeitsschutzgesetz usw.), in welchen aber der Begriff „Mobbing“ nirgendwo erwähnt wird.

Eine strafrechtliche Zuordnung von Mobbing setzt eine zweifelsfreie Täter-Opfer-Beziehung voraus, eine Voraussetzung, welche z.B. in drei Grundsatzentscheidungen der Rechtsprechung deutscher Arbeitsgerichte im Jahr 2001 als erfüllt angesehen werden können:

  • Anspruch des Gemobbten auf Unterlassung oder Unterbindung von Mobbing einschließlich Schadenersatz gegenüber dem Arbeitgeber (11),
  • fristlose Kündigung des Mobbers durch den Arbeitgeber (12),
  • Anspruch des Gemobbten auf Schadenersatz gegenüber einem mobbenden Vorgesetzten (10).

Obwohl meist viele Institutionen in die Mobbing-Problematik eingebunden sein können verfügen nur folgende drei Institutionen über wirksame Instrumentarien, Mobbing unterbinden zu können:

  • Betriebsleitung,
  • Arbeitsschutzbehörden,
  • Gerichte.

Da Betriebsleitungen Mobbing all zu häufig negieren, stillschweigend dulden oder gar aktiv zur Personalreduktion betreiben und damit gegen das Arbeitsschutzgesetz verstoßen (1), bleiben für die Mobbingbekämpfung nur Arbeitsschutzbehörden und Gerichte übrig, welche aber gegenwärtig allenfalls nur vereinzelt das Mobbingproblem aufgreifen bzw. aburteilen.

Alle anderen Institutionen mit Mobbing betraute Institutionen verfügen nicht über Instrumente einer Unterbindung von Mobbing:

  • Betriebsleitung,
  • Betriebsrat,
  • Gewerkschaft,
  • niedergelassene Ärzte und Psychologen,
  • Psychosomatische Kliniken,
  • Krankenkassen,
  • Arbeitsämter,
  • Berufsgenossenschaften,
  • Arbeitsschutzbehörden,
  • Unfallversicherungsträger,
  • Rentenversicherungsträger,
  • Gutachter dieser Institutionen,
  • Selbsthilfegruppen,
  • Mobbingberatungsstellen,
  • Anwälte, usw.

Da all diese Institutionen das Mobbing selbst nicht unterbinden können, operieren sie infolgedessen weitgehend unkoordiniert, ineffektiv und hilflos, ja teils sogar schädlich in Form einer Opferbeschuldigung am traumatisierten Mobbing-Opfer (2). Selbst die „systemische“ Sichtweise des Mobbing, welche von außen kommend eine innerbetriebliche Einstellung aller Mobbing-Ursachen beabsichtigt, lehnt das „Opfer-Täter-Konstrukt“ ab (3) und beschuldigt dadurch das Mobbing-Opfer in Form einer  indirekten Opferbeschuldigung. Dadurch vergibt sich die „systemische“ Sichtweise die Alternative, dass auch unter Anerkennung des „Opferstatus“ ein Opfer aus seiner passiven, allenfalls reagierenden Rolle in eine aktive Rolle mittels ich-stabilisierender und konstruktiver Maßnahmen im Rahmen einer betrieblichen Intervention übergeführt werden kann.

Während sich die Täterforschung in Form täterspezifischer Individual- und Gruppenstrukturen der psychologischen und medizinischen Wissenschaft weitgehend entziehen - wer gibt schon zu, dass er mobbt? -, lässt sich die umfangreiche Opferforschung bei Mobbing dem „Überblick zum Stand der Forschung“ der Veröffentlichung von Zapf entnehmen (18).

Mobbing bedingte Erkrankungen werden bisher entsprechend im Vordergrund stehender Symptome diagnostiziert wie z.B. Persönlichkeitsstörung, Depression, Angsterkrankung, Paranoia, psychovegetatives Syndrom, Anpassungsstörung, Insomnie usw.. Die Ursache „Mobbing“ erscheint innerhalb dieser Diagnosen weder in Klarschrift noch entsprechend dem ICD 10 in verschlüsselter Form. Der Begriff „Mobbing“ ist lediglich dem „Alphabetischen Verzeichnis“ Band III des ICD 10 (9) zu entnehmen, welches auf den Schlüssel Z 56.4 innerhalb des Kapitel XXI „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesen führen Z 00 - Z 99“, verweist (8). Der Schlüssel Z 56.4 beschreibt jedoch nur „Unstimmigkeiten mit Vorgesetzten oder Arbeitskollegen“, ohne „Mobbing“ ausdrücklich zu erwähnen.

Obwohl es das Verdienst der Psychotraumatologie ist, Mobbing als Psychotrauma zu verstehen (6),  hat auch die Psychotraumatologie bisher nicht versucht, eine eigenständige Erkrankung bei Mobbing zu entwickeln. Dies ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass sich die Psychotraumatologie vorrangig mit den gesundheitlichen Folgen von abgelaufenen Traumen und noch viel zu wenig mit kumulativ andauernden Traumen beschäftigt, wofür Mobbing ein Paradebeispiel ist. Da die aus der Psychotraumatologie hervorgegangene Diagnose der „posttraumatischen Belastungsstörung“  (PTBS) auf gesundheitliche Mobbingfolgen nur selten anwendbar ist, würde eine exakte psychotraumatische Diagnose umständlich als „kumulative traumatische Belastungsstörung bei beruflicher Mobbing-Konstellation“ beschrieben werden müssen. Einfacher und griffiger bietet sich die einprägsame Diagnose „Mobbing-Syndrom“ an, welche in der Lage wäre, Ursache und Wirkung eindeutig zusammenzuführen.

Eine nachweisbare Mobbingdiagnose in Form eines „Mobbingsyndroms“ wäre im Kampf gegen das Mobbing in Verbindung mit einer sich fortentwickelnden Rechtsprechung sicher ein bedeutender Fortschritt. Dies setzt aber das Eingeständnis voraus, dass der Arzt und Psychologe den Patienten nicht ursächlich therapieren kann, sondern „nur“ diagnostizierend die Funktion eines Zuträgers für die ursächlich „behandelnden“ Institutionen des Arbeitsschutzes und die Gerichte übernehmen kann. Daneben kann der Therapeut den Gemobbten „nur“ einfühlsam verstehen, ihm beim Entscheidungsprozess behilflich sein (17), ob er gegen das Mobbing ankämpft („aktive Problemlösung“), Mobbing erduldet („geordneter Rückzug“) oder vor dem Mobbing flieht („Kündigung des Arbeitsverhältnisses“). Die Therapie reduziert sich also letztendlich auf eine Betreuung und eine „Ich-stabilisierende“ Unterstützung des Mobbing-Opfers.

Die eigenständige Mobbingdiagnose in Form des „Mobbingsyndroms“ würde damit vorrangig dem Patienten dienen, der mit Hilfe dieser Diagnose und mit weiterer Unterstützung aller beteiligten Institutionen unter Einschaltung der Gerichte Unterlassungsklagen, Strafanzeigen wegen Körperverletzung, Abwehrmaßnahmen gegen Abmahnungen und Kündigungen, eigene fristlose Kündigung mit hieraus resultierenden Schadenersatzansprüchen usw. wesentlich leichter durchsetzen könnte. Krankenkassen, Arbeitsämter und Rentenversicherungsträger könnten darüber hinaus, wie im Falle eines fremd verschuldeten Unfalls, die Mobbing zulassenden Betriebe und deren Mobber in Regress nehmen, zumal ein derartiges spezifisches „Mobbingyndrom“ bei Gericht den Rang einer „Indiztatsache“ oder gar eines „Beweismittels“ einnehmen könnte. Diese Einschätzung resultiert aus dem 9. Leitsatz der 2. Musterentscheidung des Landesarbeitsgerichts Thüringen vom 15.02.2001(12):

„Unabhängig davon, ob es bei der gerichtlichen Prüfung um eine Kündigung, Abwehr- oder Schadenersatzansprüche geht, kann allerdings das Vorliegen eines „mobbingtypischen“ medizinischen Befundes erhebliche Auswirkungen auf die Beweislage haben: Wenn eine Konnexität zu den behaupteten Mobbinghandlungen feststellbar ist, muss das Vorliegen eines solchen Befundes als ein wichtiges Indiz für die Richtigkeit dieser Behauptungen angesehen werden. Die jeweilige Ausprägung eines solchen Befundes kann ebenso wie eine „mobbing-typische“ Suizidreaktion des Opfers im Einzelfall darüber hinaus Rückschlüsse auf die Intensität zulassen, in welcher der Täter das Mobbing betrieben hat. Wenn eine Konnexität zu feststehenden Mobbinghandlungen vorliegt, dann besteht eine von der für diese Handlungen verantwortlichen natürlichen oder juristischen Person zu widerlegende tatsächliche Vermutung, dass diese Handlungen den Schaden verursacht haben, den die in dem medizinischen Befund attestierte Gesundheitsverletzung oder die Suizidreaktion des Opfers zur Folge hat.“

Erst wenn es für die Betriebe, die Mobbing dulden oder selbst betreiben, auf dem Bankkonto sichtbar in Euro kostspielig wird - indirekte Kosten halten die Betriebe offensichtlich nicht von Mobbing bzw. deren Duldung ab - und auch die Arbeitsschutzbehörden Mobbing durch Auflagen und Bußgeldsanktionen verteuern, besteht Aussicht auf eine Unterbindung des Mobbing, Entfernung von Mobbern und Rehabilitation für die Gemobbten. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt versagen jedoch die Sozialversicherungsträger komplett und überziehen die Gemobbten, förmlich mitmobbend, mit rechtlichen Auseinandersetzungen um das Krankengeld, um das Arbeitslosengeld,  um abgelehnte oder angeordnete Reha-Maßnahmen, usw.. Dies ist offensichtlich für diese Institutionen risikoärmer als die Auseinandersetzung mit den Betrieben. Die Krankenkassen verstoßen dabei eklatant gegen das SGB V § 20 Abs. 2, wonach Krankenkassen „bei begründetem Verdacht auf eine berufsbedingte gesundheitliche Gefährdung dies unverzüglich den für den Arbeitsschutz zuständigen Stellen und dem Unfallversicherungsträger“ mitzuteilen haben. In den wenigen Fällen, in denen Arbeitsschutzbehörden über Mobbing informiert werden, versagen diese erfahrungsgemäß kläglich mangels fehlender Kompetenz.

Spezifische Mobbinganamnese

Die Anerkennung des „Mobbingsyndroms“ als eine eigenständige medizinische Diagnose setzt einen Zusammenhang zwischen Mobbing und dem Erkrankungsbild voraus, welches andere organische oder psychische Ursachen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließt. Die Klärung des Zusammenhangs zwischen Mobbing und dem Erkrankungsbild bedarf eines gutachterlichen Vorgehens unter Würdigung aller Gesamtumstände. Dienlich ist diesem Ziel, wenn sich das Erkrankungsbild in Form eines möglichst spezifischen „psychischen Befundes“ unverwechselbar am Ende einer spezifischen „Krankheitsanamnese“ und einer spezifischen „beruflichen Situationsanalyse“ präsentiert.

Für die Erhebung der Krankheitsanamnese und die berufliche Situationsanalyse ist der vom führenden europäischen Mobbingforscher Leymann entwickelten LIPT-Fragebogen (Leymann Inventory of Psychological Terror) geeignet (14,15). Dieser Fragebogen listet auf Seite 2 unter anderem 55 typische Mobbinghandlungen (Tabelle 1) und auf Seite 4 sodann 39 typische körperliche und psychische Symptome in Abhängigkeit von ihrer Häufigkeit auf (Tabelle 2). In schweren Fällen von Mobbing finden sich darüber hinaus die drei Hauptsymptomgruppen der "Posttraumatischen Belastungsstörung" (PTBS) nach DSM IV: Intrusion, Vermeidung, Hyperarousal (16).

Nach Auswertung des LIPT-Fragebogens sind Untersuchungen erforderlich, vor denen zunächst jeder Therapeut zurückschreckt, wie beim gutachterlichen Aktenstudium, den meist vorgelegten Schriftwechsel des Gemobbten und seiner Vertreter (Betriebsrat, Gewerkschaft, Anwalt, Urteile  usw.) mit dem Betrieb und dessen Vertreter zu beurteilen. Diese Beurteilung ist im Rahmen einer „beruflichen Situationsanalyse“ unabdingbar, um den Konflikt und seine gesundheitlichen Auswirkungen überhaupt begreifen und objektiveren zu können. Folgende Schriftsätze lassen meist problemlos Rückschlüsse auf ein mobbingtypisches Verhalten erkennen:

  • Abmahnungen von Lappalien,
  • Abmahnungsorgien,
  • zurückgezogene oder gerichtliche Aufhebungen von Abmahnungen,
  • detaillierteste schriftliche Arbeitsbefehle statt Arbeitsanweisungen im Auftragsstil bevorzugt bei Führungskräften,
  • plötzlich von Vorgesetzten umfangreich womöglich in rot korrigierte Schreiben,
  • plötzliche Verschlechterung von Arbeitszeugnissen,
  • Degradierungen, Versetzungen,
  • Droh- und Kündigungsbriefe,
  • Tagebucheintragungen usw.

Spezifische Mobbingbefunde

Entscheidend für die medizinische Diagnosestellung ist jedoch die Herausarbeitung typischer Symptome innerhalb der psychischen Befunde, wie sie entweder bei nahezu allen Mobbing-Opfern oder ausschließlich bei Mobbing-Opfern auftreten. Folgende Symptome lassen sich im Querschnitt aus der täglichen ambulanten Praxis als derart mobbingtypisch eruieren, dass man - wie in psychiatrischen Diagnoseschemata üblich (16) - festlegen könnte, dass z.B. das Vorliegen von ca. 10 von 15 der nachfolgend aufgeführten aufgeführten Symptomen in Verbindung mit der hierzu passenden Anamnese für das Vorliegen eines Mobbingsyndroms ausreichend sind.

Affektstörungen    
      a) in der Untersuchungssituation
                1. depressiv-resignativ-verlangsamt  oder typisch biphasisch
                2.  aggressiv-kämpferisch-hypervigilant, sowie
      b) am Arbeitsplatz
                3. angstvoll-unsicher-mißtrauisch
      c) in der Freizeit
                4. phobische Ängste mit psychovegetativen Entgleisungen
                     - beim Postempfang, beim Gang zum Briefkasten
                     - bei Begegnungen mit Arbeitskollegen und Vorgesetzten,
                     - an arbeitsplatzähnlichen Orten (Krankenhaus, Ämter, Kindergärten usw.)

Wahrnehmung    unauffällig bis gelegentlich paranoid anmutend

Denkstörungen         
            inhaltlich eingeengtes Zwangsdenken an das Mobbing
                 a) tags während jeder freien Minute
                 b) nachts während des gestörten Schlafs

Kognitive Störungen  
         a) am Arbeitsplatz
             erhebliche Störungen des Gedächtnis, der Konzentration und der Auffassung
         b) in der Untersuchung betreffend die Mobbing-Problematik
             - hypervigilante Kognition mit bestem Gedächtnis,
             - volle Konzentration und                                                                                          
             - hervorragende Auffassung                                                                                                      
         c) betreffend andere Themen                                                                                                             
             - Störungen des Gedächtnis, der Konzentration und der Auffassung

Wesensänderungen bei fehlender, verspäteter oder opferbeschuldigender Intervention    
        a) unermüdliche Suche nach Hilfe und Verständnis, welches überforderte Zuhörer
            incl. Familienangehörige nervt
        b) zunehmende Isolation nach Abwendung genervter Helfer, Arbeitskollegen,
            Familienangehöriger usw., ausgenommen Mitglieder von Selbsthilfegruppen,
        c) zunehmendes Misstrauen durch Mobbing und Isolation
        d) zunehmende Sensibilität betreffend Fremdbestimmung und Ungerechtigkeit
        e) im Endstadium: „gebrochene Persönlichkeit“ oder „obsessiver Querulant“ oder
            „paranoider Einzelgänger“
 
Ob psychobiologische Aspekte der endokrinen Ebene der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, der noradrenergen Neurotransmitterebene und der endogenen Opiate, wie sie bei der PTBS diskutiert werden (4), auch das Mobbing-Trauma mit erhärten können, ist bisher nicht untersucht.

Entscheidend für den Zusammenhang zwischen einer Ursache und deren Erkrankung ist jedoch der Leidensdruck des psychisch Kranken, der nach aller Erfahrung über den ursächlichen Inhalt klagt, der ihn am intensivsten beeinträchtigt. Welchen Grund hätte z. B. eine Ehefrau, über einen beruflichen Konflikt bei bestem Betriebsklima zu klagen, wenn sie unter dem Konflikt mit dem Ehemann leidet und umgekehrt? Ganz davon abgesehen, dass Mobbing aus Scham häufiger verschwiegen als übertrieben wird. Insofern erschließen sich für den Therapeuten Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung meist zweifelsfrei. Mobber dagegen bestreiten Mobbing vehement, und finden daher leicht Glauben bei den Gerichten, was diese sodann all zu häufig beweismindernd berücksichtigen.

Verwirrung kann auch die Tatsache stiften, dass Mobbing ausgesprochen häufig die Familienstruktur zerstört, wenn sich das Verhalten und Wesen des Gemobbten aufgrund des Mobbing so verändert, dass sich auch der Partner, in völlige Hilflosigkeit versetzt, vom Mobbingopfer abwendet. Diese isolierende Abwendung wirkt zwangsläufig krankheitsverstärkend und ist somit eher ein Beleg für die Grundursache des Mobbing, als dass familiäre Konflikte die Ursache der Erkrankung wären. Die zeitliche Abfolge des Konfliktablaufs ist dabei von entscheidender Bedeutung. Andererseits lässt sich bei einer umgekehrten zeitlichen Abfolge aus einer vorbestehenden familiären Problematik oder anderen psychischen Vorschädigungen keine Erlaubnis für Mobbing ableiten.

In der Längsschnittbetrachtung fallen nahezu bei jedem einzelnen Mobbing-Opfer zwei typische psychische Befunde in unregelmäßiger Folge auf. Entsprechend dem biphasischen Ablauf traumatisch verursachter Störungen (6) imponiert entweder der depressiv-resignierende oder der aggressiv-kämpferische psychische Befund bei voll erhaltener Kognition betreffend die geringsten  Details der Mobbinghandlungen (Auffassung, Gedächtnis, Konzentration), jedoch in Form eines äußerst eingeengten Denkens in Bezug auf die Mobbing-Problematik.

Ein dritter regelmäßig zu eruierender typischer psychischer Befund erschließt sich ausschließlich aus der Anamnese des Befindens und Verhaltens am Arbeitsplatz. Er ist nach anfänglich erhöhtem beruflichen Einsatz, zunächst ohne therapeutische Inanspruchnahme, von Unsicherheit, Angst und einem Einbruch der Kognition mit Konzentrationsstörungen, Auffassungsstörungen und Gedächtnisstörungen mit hieraus resultierenden Fehlhandlungen, begleitet von Vermeidungsreaktionen, seltener von Aufbegehren, geprägt.

Der Schweregrad des Mobbing entsprechend der fünf Phasen des Mobbingmodells von Leymann (5,13) erschließt sich aus der Gesamteinschätzung des Therapeuten (Tabelle 4) und ist für die Entscheidung, ob überhaupt ein Mobbing-Syndrom vorliegt, allenfalls im Übergang vom banalen beruflichen Konflikt zur Phase 1 der Mobbingkatastrophe von Bedeutung. Die aus der Praxis gewonnenen Erkenntnisse auf dem Boden der bisherigen Mobbing-Forschung im Hinblick auf ein medizinisch eigenständiges Mobbing-Syndrom bedürfen einer wissenschaftlichen Bestätigung, in welcher weitere oder noch spezifischere Parameter das eigenständige Mobbing-Syndrom abrunden könnten. Ergeben diese mobbingtypischen Befunde in Verbindung mit der Auswertung des LIPT-Fragebogens und die Beurteilung des Schriftwechsels in ihrer Gesamtheit ein weitgehend voll-ständiges Puzzle, dann sollte die hieraus resultierende Diagnose des „Mobbingsyndroms“ einen derartigen Bestand haben, dass diese Diagnose auch als Beweismittel vor Gerichten anerkannt wird. Das „Mobbing-Syndrom“ als Ausfluss einer medizinischen Gesamtwürdigung befände sich sodann im Gleichklang mit dem Leitsatz 7 der 1. Musterentscheidung des Landesarbeitsgerichts Thüringen vom 10.04.01 (11), welches auf eine juristische Gesamtwürdigung in Form des „Grundsatz des fairen Verfahrens beim Mobbing-Rechtsstreit“ abhebt:

„Die juristische Bedeutung der durch den Begriff „Mobbing“ gekennzeichneten Sachverhalte besteht darin, der Rechtsanwendung Verhaltensweisen zugänglich zu machen, die bei isolierter Betrachtung der einzelnen Handlungen die tatbestandlichen Voraussetzungen von Anspruchs-, Gestaltungs- und Abwehrrechten nicht oder nicht in einem der Tragweite des Falles angemessenen Umfang erfüllen können. Wenn hinreichende Anhaltspunkte für einen Mobbingkomplex vorliegen, ist es zur Vermeidung von Fehlentscheidungen erforderlich, dies in die rechtliche Würdigung miteinzubeziehen...“.

Die Begutachtung von durch Mobbing verursachten Erkrankungen wird zweifellos nach Einführung eines „Mobbing-Syndroms“ unter Berücksichtigung einer Gesamtwürdigung in Anlehnung an diese juristischen Vorgaben als Grundlage für Verwaltungsakte einen erheblichen qualitativen Fortschritt zur Folge haben, der die Vielzahl der rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen Gemobbten und den Sozialversicherungsträgern zu reduzieren vermag.

Finanzierung der therapeutischen Betreuung von Mobbing-Opfern

Der zu erwartende Schadenersatz sollte für die Krankenkassen genug Ansporn sein, die extrem zeitaufwendige Diagnostik und Betreuung von Mobbing-Opfern entsprechend dem realen Zeitaufwand außerhalb jeglichen Budgets zu honorieren, zumal diese Zahlung, wie bei fremd-verschuldeten Unfällen, für das Krankenversicherungssystem kostenneutral blieben. Ansonsten ist zu befürchten, dass nicht nur intrapsychische Abwehrmechanismen bei Therapeuten (2) sondern weiterhin die bereits bestehenden zeitlichen und finanziellen Selbstschutzgründe bei Therapeuten zur Abwehr von Mobbing-Opfern statt zur Abwehr von Mobbern beitragen werden. Die Aufnahme des „Mobbingsyndroms“ in den ICD ist hierzu erforderlich und hochgradig eilbedürftig, zumal der Versichertengemeinschaft eine weitere Kostenübernahme böswillig von Menschen verursachter Erkrankungen nicht länger zuzumuten ist. Mobber schädigen nicht nur das Mobbing-Opfer, sondern die gesamte soziale Gemeinschaft.

Literaturverzeichnis

  1. Arbeitsschutzgesetz vom 7.August 1996 (BGBl. I Seite 1246) § 2 Abs. 2 Satz 1, § 4 Nr. 4
  2. A. Bämayr: Mobbing, Hilflose Helfer in Diagnostik und Therapie, Dt.Ärzteblatt 2001;98:A 1811-1813 (Heft 27)
  3. T. Böcker: Systemische Sichtweise von Mobbing und Gefährdungsbeurteilung auf betrieblicher Ebene, Tagungsunterlagen der Akademie für ärztliche Fortbildung und Weiterbildung der Landesärztekammer Hessen, 13.10.2001 - Bad Nauheim, Veranstaltung des Vereins für Arbeitsschutz und Gesundheit durch systemische Mobbingberatung und Mediation e.V.  (mobbing-net.de)
  4. U. Ehlert, D. Wagner, M. Heinrichs, C. Heim: Psychobiologische Aspekte der Posttraumatischen Belastungsstörung, Nervenarzt 1999;70:773-779, Springer-Verlag 1999
  5. A. Esser, M. Wolmerath: Mobbing. Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessenvertretung. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1997; Bund-Verlag
  6. G. Fischer, P. Riedesser: Lehrbuch der Psychotraumatologie. München, Basel 1998; Reinhard-Verlag
  7. Frankfurter Rundschau, 26.5.2001, Nr. 121, Seite 32
  8. ICD 10 Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Band I: Systematisches Verzeichnis. Köln 1995; Deutscher Ärzte-Verlag
  9. ICD 10, Band III - Alphabetisches Verzeichnis, Version 1.0, Stand Oktober 1995; Deutscher Ärzteverlag
  10. Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz: Entscheidung mit Präzedenzcharakter, Az 6 SA 415/2001
  11. Landesarbeitsgericht Thüringen: 1. Musterentscheidung vom 10.04.2001, Az 5 Sa 403/2000
  12. Landesarbeitsgericht Thüringen: 2. Musterentscheidung vom 15.02.2001, Az 5 Sa 102/2000
  13. H. Leymann: Der neue Mobbing-Bericht, Reinbek bei Hamburg 1995; Rowohlt
  14. H. Leymann: Handanleitung für den LIPT-Fragebogen, Materialie Nr. 33, Tübingen 1996; dgvt-Verlag
  15. H. Leymann, Stockholm/Schweden, Deutsche Version von Klaus Niedl, Wien/Österreich: LIPT-Fragebogen, Tübingen; dgvt-Verlag
  16. H. Saß, H.Wittchen, M. Zaudig: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. DSM-IV, Göttingen 1996; Hogrefe,
  17. J. Schwickerath: Mobbing am Arbeitsplatz, Aktuelle Konzepte zu Theorie, Diagnostik und Verhaltenstherapie
  18. D. Zapf: Mobbing in Organisationen - Überblick zum Stand der Forschung, Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie (1999) I, 1-25

Manuskript 2001