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Grünes Licht für Mobbing

zum Suizid provozierende Traumatisierungsurteile

Als langjährig in Therapie und Erstellung von Sachverständigengutachten auf Mobbingfälle spezialisierter Facharzt verfolgt man naturgemäß auch die Entwicklung der diesen Sektor betreffenden Rechtsprechung. Hier schien sich insbesondere seit den Urteilen der 5. Kammer des Thüringer Landesarbeitsgerichts vom 15.2.20011 (1) und vom 10.4.20012 (2) und einiger nachfolgender Entscheidungen aus der Arbeitsgerichtsbarkeit (3) der Eindruck zu rechtfertigen, die Justiz würde endlich ihrer seit Jahren überfälligen Verantwortung gerecht, das einer auf humanistischen Prinzipien gegründeten Staatsidee diametral zuwiderlaufende und in jeder Beziehung extrem gesellschaftsschädliche Phänomen des Mobbing in der diesem gebührenden Weise entgegenzutreten. Möglicherweise war dieser Eindruck voreilig.

Bereits im Jahr 2002 signalisierte ein Urteil des Arbeitsgerichts Köln (4), dass ein beispielhafter Umgang der Justiz mit Mobbingfällen weit davon entfernt ist, eine Selbstverständlichkeit zu sein. Dieses Signal hat mit dem Urteil der 1. Kammer des Thüringer Landesarbeitsgerichts vom 10.6.2004 (5) eine nicht zu übersehende Verstärkung erfahren. Der das Vertrauen in die Justiz bei der Bearbeitung von Mobbingfällen beeinträchtigende Grund liegt in der Diktion und der mobbingförderlichen Signalsetzung der entsprechenden, auch das jeweilige Urteilsergebnis diskreditierenden Urteilsbegründungen. Zuweilen lassen diese nicht etwa nur auf fehlende Sachkompetenz im Umgang mit solchen Fällen schließen, wie sie in vielen Fällen besonders dadurch deutlich wird, dass bei der rechtlichen Beurteilung der Mobbingablauf in seine Einzelbestandteile zerlegt und nicht in seinem Zusammenwirken gewürdigt wird. Sie offenbaren, wie in den Urteilen des Arbeitsgerichts Köln und jüngst der 1. Kammer des Landesarbeitsgerichts Thüringen überdeutlich wird, eine latent bestehende Vorurteilslage gegenüber Mobbingopfern bis hin zu damit korrespondierenden persönliche Antipathien gegen die Notwendigkeit einer vor Mobbing schützenden Rechtsprechung.

Am Ende seiner Begründung des angeführten Urteils, welches die auf Schadenersatz gerichtete Mobbingklage einer in einer Universitätsklinik beschäftigten Krankenschwester abweist, hat das Arbeitsgericht Köln u.a. ausgeführt:

„Das Zurückweisen einer bei den Kolleginnen unbeliebten Mitarbeiterin, welche die anderen als wenig leistungsfähig ansehen und sich daher in ihrer eigenen Arbeit beeinträchtigt fühlen bzw. den Eindruck haben, Defizite durch eigene Mehrleistungen ausgleichen zu müssen, entspricht der Lebenswirklichkeit im Arbeitsleben. Auch die Ausgrenzung einer solchen Kollegin ist sozial adäquat, ebenso der Versuch, deren Herausnahme aus der eigenen Arbeitsgruppe zu erreichen. Mit solchen Verhaltensweisen muss jeder Arbeitnehmer oder jeder andere, in welchem Rechtsstatus auch immer mit Menschen zusammenarbeitende Bedienstete rechnen. Schließlich entsprechen den eigenen Persönlichkeitsrechten die gleichwertigen Grundrechte der Kollegen und Vorgesetzten auf Selbstverwirklichung und Entfaltung ihrer eigenen Persönlichkeit, auch wenn diese unfreundliche, missgünstige oder anderweitig aus ethischer Sicht fragwürdige Züge aufweisen mag. Gleiches gilt für das Verhalten von beteiligten Ärzten.

Dies gilt gerade im öffentlichen Dienst, in dem sich die Arbeitgeber bzw. die von ihnen eingesetzten natürlichen Personen dauerhaft, jedenfalls ohne eigene Befreiungsmöglichkeit an Arbeitnehmer gebunden sehen, auch wenn diese in ihrem Bereich abgelehnt werden, als vermindert leistungsfähig, zudem rechthaberisch und anspruchsbewußt empfunden werden, dazu ihre eigenen Vorstellungen konsequent unter Einschaltung von Personalrat und Rechtsanwälten sowie unter Zuhilfenahmen von Dienstaufsichtsbeschwerden durchzusetzen versuchen, damit aus Sicht der Verwaltung ein ständiges, unangenehmes Arbeiten verursachendes Störpotential darstellen.“

Mit dieser Entscheidung hatte bereits das Arbeitsgericht Köln die auf dem Boden des Grundgesetzes kaum glaubliche Grünschaltung der Mobbingampel als Befreiungsschlag gegen unliebsame und insbesondere im öffentlichen Dienst nur schwer loszuwerdende MitarbeiterInnen legitimiert. Haben wir in dieser Entscheidung zur Kenntnis nehmen müssen, dass nach Auffassung eines deutschen Gerichts der Zweck auch Mobbingmittel heiligt, setzt die 1. Kammer des Landesarbeitsgerichts Thüringen in ihrem Urteil, welches die auf Schadenersatz gerichtete Mobbingklage einer ebenfalls im öffentlichen Dienst beschäftigten Bankangestellten betrifft, nun schon mit ihren Leitsätzen noch eins drauf und verkündet dort:

„Für die streitentscheidende Aufgabe der Gerichte ist es nicht hilfreich, wenn der Eindruck  erweckt wird, die Gerichte müssten „gegenüber Mobbing ein klares Stoppsignal“ setzen (so Thüringer Landesarbeitsgericht vom 15.02.2001, LAGE Nr. 3 zu Artikel 2 GG Persönlichkeitsrecht, Leitsatz 1).“

Die für den ungläubigen Leser erkennbare Botschaft des bereits in den Leitsätzen geführten und an oberster Stelle der Urteilsbegründung in teilweise diffamierender Weise fortgesetzten Frontalangriffs auf die den Weg für einen rechtsstaatlichen Mobbingschutz bereitende Rechtsprechung der 5. Kammer des gleichen Gerichts lautet, dass die Justiz für die Mobbingbekämpfung nicht zuständig ist. Auch dieses Urteil gibt damit grünes Licht für unsanktioniertes Mobbing. Es diskriminiert das Rechtsschutzbedürfnis von Mobbingopfern und ist deshalb in seinem Skandalgehalt gleichwertig mit dem zu Beginn der 80er Jahre zu negativem Ruhm gekommenen „Frankfurter Behindertenurteil“. Derartige Mobbingurteile können nicht nur bei den von solchen Urteilen betroffenen MobbingklägerInnen die bereits durch Mobbinghandlungen eingetretene Traumatisierung in einer die Suizidgefährdung deutlich erhöhenden Weise verstärken. Sie können bei deren Kenntnisnahme dieselbe Wirkung auch bei allen anderen durch Mobbing in einem akuten Traumatisierungszustand befindlichen Personen bewirken, die dadurch für sich realisieren, dass sie von der Justiz als rechtlos abgestempelt werden. Etwas mehr versteckt, aber nicht weniger Sprengstoff enthält der andere Leitsatz der Entscheidung:

„Mobbing kann nur angenommen werden, wenn systematische und zielgerichtete Anfeindungen gegen den Arbeitnehmer vorliegen. Daran fehlt es, wenn es in der Entwicklung einer im wesentlichen psychisch bedingten Konfliktsituation zu einer Eskalation kommt, auf die der Arbeitgeber mit einem nicht mehr sozialadäquaten Exzess reagiert." (hier: Suspendierung von der Arbeitsleistung und nachfolgende Versetzung)

Zunächst sind aber Mängel dieses Leitsatzes offen zu legen, die bereits den Bereich logischen Denkens betreffen. Das Gericht verkennt, dass es sich bei Mobbing immer um einen „psychischen Konflikt“ handelt, eine „Eskalation“ ohne „Systematik“ nicht vorstellbar ist und der nicht mehr „sozialadäquate Exzess“ des Arbeitgebers ein Paradebeispiel für eine „zielgerichtete Anfeindung gegen den Arbeitnehmer“ darstellt. Der Begriff  „sozialadäquater Exzess“ ist im Übrigen ein Widerspruch in sich. Ein arbeitgeberseitiges Exzessverhalten impliziert immer außerhalb der sozialen Adäquanz liegende Umgangsformen. Eine verworrene Logik offenbart sich auch in einem weiteren Punkt. Es ist nicht recht nachvollziehbar, wie der Arbeitgeber einerseits auf der Verursacherseite und andererseits durch einen dann „nicht mehr sozial adäquaten Exzess“ auf der Reaktionsseite einer Eskalation stehen können soll, ohne dass seine zu der Eskalation führenden Verursachungsbeiträge bei der sachangemessenen juristischen Einordnung dieses Exzessverhaltens als möglicher Bestandteil einer Mobbinglage mit einbezogen werden.

Die diesem Leitsatz aus psychiatrischer Sicht innewohnende Perfidität ist - wie sich dann auch aus dem Begründungszusammenhang des Urteils ergibt - jedoch anderweitig zu verorten. Die 1. Kammer des Landesarbeitsgerichts Thüringen verwendet in der Urteilsbegründung viel und häufig auf nichts anderes als Mutmaßungen und Unterstellungen gestützte Tinte dafür, festzustellen, dass die in dem betreffenden Rechtsfall involvierte Klägerin eigentlich nur überempfindlich war und sich dann in eine Art Mobbingverfolgungswahn hineingesteigert hat. Das ist es, was die Kammer in ihrem Leitsatz eigentlich mit dem Begriff „psychisch bedingte Konfliktsituation“ meint. Diese ausschließlich der Klägerin angelastete „psychisch bedingte Konfliktkonstellation“ soll anscheinend rechtfertigen, auch einer Kette von objektiv feststellbaren Drangsalierungen die Mobbingqualität abzusprechen, obwohl diese Drangsalierungen selbst nach den aus dem Urteil ersichtlichen Fakten durch die schlichte Wahrnehmung des guten Rechts der Klägerin ausgelöst worden sind, den freiwilligen Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber berechtigt abzulehnen. Damit verweigert die Kammer nicht nur dieser Klägerin eine von Objektivität und Anstand getragene rechtliche Prüfung, sie öffnet auch für andere Mobbingfälle die arbeitssparende Ausstiegsluke einer Psychiatrisierung von Mobbingklägern, indem diesen mangelnde psychische Belastbarkeit und Wahrnehmungsstörungen vorgeworfen werden. Das ganze hat dann für Mobbingbetroffene noch den fatalen aber das richterliche Gewissen rein waschenden Nebeneffekt, dass diesen attestiert werden kann, dass sie durch eine, von der - allerdings von dem Gericht frei bestimmten - Empfindlichkeitsnorm abweichenden Psyche an der Eskalation, dem dadurch provozierten Mobberexzess und ihrer Traumatisierung, ja ihrem ganzen Leidensweg selbst schuld sind. Solche Vorgehensweisen werden in der Lehre der Psychotraumatologie als „Opferbeschuldigungen“ eingestuft, welche regelmäßig eine Verschlimmerung der Traumatisierung zur Folge haben (6).

Dieses Urteil der 1. Kammer des LAG Thüringen, welches Tür und Tor zur Ausübung von Mobbing unter Ausschluss jeglicher Sanktionsgefahr öffnet, ist auch aus einem weiteren Grund ein Paradebeispiel für ein parteiliches Urteil zugunsten von Mobbern. Obwohl das Gericht das nach seinem Ablauf mit höchster Erniedrigungswirkung und ohne die geringste rechtliche Rechtfertigung vollzogenen, in eine monatelange rechtswidrige Arbeitssuspendierung mündende Davonjagen der Klägerin von ihrer Arbeitsstelle sogar selbst als nicht mehr sozialadäquaten Exzess festgestellt und als schweren und auf entwürdigende Weise durchgeführten Persönlichkeitsrechtseingriff bezeichnet hat, hat es diesen nicht nur komplett sanktionslos gelassen. Es hat nicht einmal erkennbare Anstalten gemacht, wenigstens insoweit Gedanken über eine mögliche Haftung wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts oder der Gesundheit der Klägerin zu Papier zu bringen.

Wer – wie in dem Urteil des Arbeitsgericht Köln vom 9.7.2002 und in dem Urteil des Landesarbeitsgerichts Thüringen vom 10.6.2004 - als Gericht so offen und mit teilweise zynischen Begründungselementen die ein Staatsorgan zum Schutz der (an vorderster Stelle der Verfassung gewährleisteten) Menschenwürde verpflichtenden berufsethischen Minimalanforderungen missachtet, begünstigt nicht nur die Weiterverbreitung menschenrechtswidriger Praktiken im sozialen Umgang. Er beteiligt sich, wenn auch nicht vorsätzlich, wohl aber in der faktischen Wirkung an der von den Mobbern als Zweck ihres Handelns beabsichtigten und auf Dauer zu schweren Erkrankungszuständen führenden Störung des psychischen Gleichgewichts der betroffenen Opfer als Kernelement jeglichen Mobbings. Eine solche Rechtsprechung wird von den Mobbingopfern vielfach als kollusives Zusammenwirken mit den Mobbern und Fortsetzung des Mobbings empfunden. Die durch derartige Rechtsprechungspraktiken bei tatsächlichen Mobbingopfern vermittelte Aussichtslosigkeit einer legalen Gegenwehr und Unabänderlichkeit ihrer Leidensquelle erhöht nicht nur die Gefahr eines Abgleitens in sozial inadäquate Gegenwehr, sondern ganz signifikant auch das Gefahrenpotential für suizidale Verhaltensweisen (7). Auch die bei massiv zu erfahrender Rechtlosigkeit durchaus mögliche Gefahr illegaler Abwehrexzesse darf nicht unterschätzt werden.

Konflikte entstehen meist, auch in Betrieben und im Verlauf von Gerichtsverhandlungen, durch überzogene Fremdbestimmungen und verstärken sich, je unsachgemäßer, unfairer oder gar tyrannischer die Fremdbestimmungen ausgeübt werden. Schätzungsweise 80 % aller psychisch Erkrankten sind auf derartige das Selbstbestimmungsrecht verletzende Fremdbestimmungen zurückzuführen. Depressionen und Angsterkrankungen mit entsprechenden psychosomatischen Folgen gehen in traumatische Belastungsstörungen über, je unfairer, schikanöser und gewalttätiger die Fremdbestimmungen einwirken. Ab einem bestimmten Schweregrad geht ein banaler Konflikt in eine „Täter-Opfer-Konstellation“ über, wie dies die Voraussetzung ist, um im Arbeitsleben von einer Mobbingkonstellation sprechen zu können. Von einer Täter-Opfer-Konstellation kann man folglich erst dann sprechen, wenn mit verwerflichen Maßnahmen mindestens Verletzungen des Persönlichkeitsrechts vorliegen, spätestens aber dann, wenn medizinisch nachweisbare Verletzungen der Psyche oder direkte oder indirekte Verletzungen des Körpers die Folge sind, welche keine andere Ursache erkennen lassen.

Während für die rechtliche Beurteilung von Mobbinghandlungen zweifelsfrei das Gericht zuständig ist, verfügt der psychiatrisch/psychotherapeutisch/psychotraumatologisch tätige Arzt über ein wesentlich ausgedehnteres Repertoire zur Einschätzung einer Mobbingkonstellation. Auch wenn er die Mobbinghandlungen nicht nachweisen kann, ist der erfahrene Facharzt für Psychiatrie in der Lage, als Spezialist für „psychische“ Vorgänge einen „Psycho“terror (Mobbing) zu identifizieren und zur hieraus resultierenden „psycho“traumatischen Erkrankung („Mobbingsyndrom“) in Beziehung zu setzen. Die Plausibilität der Mobbingkonstellation leitet sich dabei u.a. aus der Erfahrung her, dass Psychotraumatisierte nicht über Trugbilder klagen, sondern über die Konflikte, die sie am intensivsten beeinträchtigen. Eine weitere Erfahrungstatsache ist, dass Mobber als Gewinnertypen im Konflikt mangels eines Leidensdrucks keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Mobber schlafen gut, während Mobbingopfer aufgrund des hochgradigen Stress verursachenden Mobbings rasch einen Leidensdruck entwickeln, der sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen lässt. Da Ärzte aber Mobbing nicht stoppen und deshalb die Ursache der psychischen Traumatisierung nicht beseitigen können, verlaufen ärztliche Behandlungen oft nur symptomatisch und daher frustrierend mit der Folge eines Therapieabbruchs: „der Arzt kann mir ja doch nicht helfen“. Der Erfahrungstatsache der Kongruenz von Konflikt und Konfliktinhalt sollten sich Richter, besonders auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen, nicht verschließen, schließlich wird doch auch vor Gerichten nicht über nichtexistente Inhalte gestritten. Zur Beseitigung von Mobbing und dessen Folgen sind Ärzte jedoch mangels Zugriffsmöglichkeiten auf Mobber nicht in der Lage (8). Dies ist nun einmal die originäre Aufgabe des Gerichts unter Einbeziehung medizinischer Experten in Fragen psychischer Konfliktkonstellationen.

   
Da Mobbing definitionsgemäß immer mit unfairen Mitteln bis hin zum Psychoterror ausgeübt wird, ist das Mobbingopfer primär immer in einer unterlegenen Position. Kein Mensch erfährt in seiner Entwicklung, wie er persönlich einer fortgesetzten Unfairnis oder einem systematischen Psychoterror Einhalt gebieten kann, es sei denn, er ist bereits in seiner Wesensstruktur mit Mobberqualitäten (unfairer Alphatyp) ausgestattet, die ihn dazu befähigt, sofort mit noch übleren Methoden zurückzuschlagen. Alle anderen „Normalbürger“ haben nur 3 persönliche Reaktionsmöglichkeiten auf Mobbing: Flucht oder Erduldung des Psychoterrors oder Ruf nach Schutz durch Mächtigere, die dem Mobber Einhalt gebieten können, wie z.B. Arbeitgeber und Richter. Jedoch sind sowohl Arbeitgeber als auch Richter Inhaber einer Herrschaftsstellung und gehören somit nicht der Wesensstruktur des Omega-Typ an, sondern sind meist Alpha-Typen. Das Wirken von solchen Richtern und Arbeitgebern auf andere Menschen ist dabei abhängig davon, ob sie die Persönlichkeitsstruktur eines fairen oder eines unfairen Alphatyps aufweisen. Mobber sind unabhängig von ihrer beruflichen Stellung strukturell ebenfalls Alphatypen und weisen somit eine innere Nähe zu allen Alphatypen auf, also auch zu Richtern und Arbeitgebern, welche um so näher wird, je unfairer der Alphatyp des Arbeitgebers und Richters mit dem unfairen Alphatyp des Mobbers übereinstimmt. Ein zum unfairen Alphatyp gehöriger Arbeitgeber oder Richter bringt zwangsläufig mehr Verständnis für seine eigenen Charakterzüge auf, so dass er als „Gewinnertyp“ volles Verständnis für den sich durchsetzenden Mobber zeigt, wobei alle unfairen Alphatypen kein Verständnis für Verlierer entwickeln können, allenfalls ein derartiges heucheln und ihr Verhalten selbstredend als sozialadäquates Verhalten einstufen und sei es noch so unfair oder tyrannisch.  

Wenden sich Mobbingopfer nun an den Arbeitgeber oder das Gericht und treffen dabei auf den unfairen Alphatyp, dann wird aufgrund dieser persönlichkeitsstrukturellen Übereinstimmung verständlich, warum Mobbingopfer so häufig abblitzen oder gar noch von diesen unfairen Alphatypen weiter traumatisiert werden. Aufgrund der inneren Nähe der Wesenszüge von „unfairen Alphatypen“, wird verständlich, dass Mobbingopfer bei ihrer Suche nach Hilfe so oft erneut traumatisiert werden, weil die zu Hilfe gerufenen Arbeitgeber oder Richter agierend unter mobbingtypischer „Anmaßung des alleinigen Deutungsrechts“ fremdbestimmend amtsautoritär den Konflikt dadurch beenden wollen, dass das „Mobbingopfer“ als Verlierertyp das Feld zugunsten des „Mobbers“ als Gewinnertyp zu räumen hat. Unfaire Alphatypen können in ihrem traumatischen Wirken nur durch faire Alphatypen mit höherer Amtsautorität gestoppt werden. Selbstverständlich gehört deshalb zum Repertoire des unfairen Alphatyps, eine Entscheidung durch die darüberstehende amtsautoritäre Struktur zu verhindern. Handelt es sich bei dem unfairen Alphatyp um einen Richter, dann wird er alles daran setzen, eine Überprüfung seines Wirkens durch die Rechtsmittelinstanz zu verhindern. Dies kann dadurch geschehen, dass er beispielsweise das Mobbingopfer durch gezielt Angst machenden Argumentationsdruck dazu bringt, zu den von der Gegenseite oder von ihm als angemessen bestimmten Konditionen auf die Erlangung eines an höherer Stelle nachprüfbaren Urteils zu verzichten oder falls sich eine solche Möglichkeit eröffnet, die Letztentscheidung über die Berechtigung eines durch eine solche Einigung nicht abwendbaren Urteils durch die höhere Instanz erst gar nicht zulässt. In dem auch hier wiederum ein negatives Beispiel gebenden Urteil der 1. Kammer des Landesarbeitsgerichts Thüringen vom 10.6.2004 steht folgerichtig unter Punkt 2 des Entscheidungstenors:

„Die Revision wird nicht zugelassen.“

Damit zweckentfremdet das Gericht, wie schon aus der eigenen Urteilbegründung heraus ersichtlich ist, eine ihm offensichtlich vom Gesetzgeber treuhänderisch eingeräumte Befugnis. Zur Rechtfertigung dieser Abkoppelung von rechtsstaatlicher Fürsorge ist dort lapidar angeführt, dass die Rechtssache keine grundsätzliche Bedeutung habe. Dies, obwohl das Gericht am Anfang seiner Entscheidung noch selbst ausführt: „Eine höchstrichterliche Entscheidung zur Bedeutung des Begriffs (gemeint ist Mobbing) bei Vertragsstörungen im Einzelarbeitsverhältnis und beim Ausgleich materieller und immaterieller Schäden fehlt bislang“ und obwohl sich daran eine (in Bezug auf die Mobbingschutz- Urteile der 5. Kammer des Thüringer LAG sogar zum Teil nicht nur ins Unsachliche abgleitende, sondern regelrechte Anfeindungen enthaltende) Auflistung der unterschiedlichen und ganz augenscheinlich durch das Bundesarbeitsgericht letztinstanzlich klärungsbedürftigen Mobbing-Rechtsprechung der Landesarbeitsgerichte anschließt.

Wer denn sonst, als die Gerichte sollen Mobbing stoppen? Auch wenn diese 1. Kammer des LAG Thüringen dies nicht glauben will, können Ärzte weder Mobbing stoppen noch dessen Folgen heilen. Sie haben auch keine Wundermittel, Mobbing in seinen gewollten psychosozial destabilisierend wirkenden Auswirkungen ohne zunehmende Gesundheitsschädigung auszuhalten. Ärzte können allenfalls Verständnis aufbringen, entsprechend dem Vorhaben des Patienten die Flucht aus dem Mobbing (Arbeitsunfähigkeit, Kündigung) oder den Kampf gegen das Mobbing über legale Rechtsmittel unterstützen, keinesfalls aber dem Mobbingopfer illegale oder unfaire Techniken vermitteln, welche geeignet wären, Mobber auszuschalten. Umso übler ist es, wenn Gerichte versagen oder gar, wie hier, im Ergebnis Partei für Mobber ergreifen. Jegliche Täter-Opfer-Konstellation polarisiert alle damit Befassten, womit sich auch Mobbing von einem banalen Streit unterscheidet. Wer wegsieht, hilft dem Täter, wer sich einmischt, hilft dem Opfer. Die gerichtliche Verurteilung von Mobbern ist zugleich ein medizinisches Heilmittel, welches nicht nur Symptome bekämpft, sondern auch den Herd mobbingbedingter Krankheitszustände ausschaltet. Der Freispruch des Mobbers ist demgegenüber eine der schwersten vorstellbaren psychischen Traumatisierungen, welche rasch in eine Suizidalität einmünden können.

Die außergewöhnliche Schwere der Traumatisierung ist durch den Zusammenbruch der geltenden Wert- und Normvorstellungen und den Verlust des Vertrauens in die rechtsstaatlichen Grundprinzipien bedingt. Der den angeführten Urteilen an alle Mobber immanente Zuruf: „Weiter so, von den Gerichten sollte Mobbing nicht gebremst, geschweige denn gestoppt werden“ wirkt um so verheerender, als er nicht nur voll die betreffenden Klägerinnen getroffen hat, sondern einen Schlag in das Gesicht aller Mobbingopfer, aber auch aller um die Aufrechterhaltung des Rechtsstaats bemühter Bürger darstellt. Während die Mobbingfällen anhaftende Psychodynamik des Individual- und Gruppenverhaltens für psychologisch und psychotraumatisch Erfahrene so offensichtlich ist wie das 1 x 1 für den Mathematiker, ist zu wünschen, dass auch Richter lernen (wollen), die psychodynamischen Zusammenhänge zwischen Mobbern und Gemobbten, sowie die Gefahr einer eigenen Verflechtung in den Konflikt introspektionsfähig zu erkennen und zu reflektieren, um nicht die eigene Objektivität und Neutralität zu verlieren und um Mobbing als das zu erkennen, was es ist: ein psychologisches bzw. psychpathologisches Instrument zur Traumatisierung, zu deren noch weiter verfestigenden Fortsetzung auch Richter die besten Voraussetzungen mitbringen und zugleich auch noch in der Lage zu einer staatlichen Absegnung eines solchen von Mobbern vorsätzlich herbeigeführten und der Sicherstellung der Menschenwürde als dem fundamentalsten aller Verfassungsprinzipien gegenläufigen Ergebnisses sind.

Literaturverzeichnis

  1. 5 Sa 102/00, abgedruckt in Handbuch Mobbing-Rechtsschutz (nachfolgend HMR), Heidelberg 2004, Anhang 6
  2. 5 Sa 403/00, abgedruckt in HMR, Anhang 5
  3. LAG Baden-Württemberg, Urteil vom 27.7.2001, 5 Sa 72/01, abgedruckt in HMR Anhang 4 und LAG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 16.8.2001, 6 Sa 415/01, abgedruckt in HMR Anhang 3; Arbeitsgericht Dresden, Urteil vom 7.7.2003, 5 Ca 5954/02
  4. Urteil vom 9.7.2002, 8 Ca 3274/02
  5. 1 Sa 148/01, im Volltext abrufbar über die Homepage des Thüringer LAG www.landesarbeitsgericht.thueringen.de unter Presseinfo
  6. zur diagnostischen und therapeutischen Problematik der Opferbeschuldigung ausführlich: Bämayr in Deutsches Ärzteblatt 2001, A 1812
  7. zum Anteil der in Deutschland durch Mobbing verursachten Suizide vgl. Bämayr in Deutsches Ärzteblatt 2001, A 1811 mit weiteren Nachweisen
  8. zur Verdammung von Ärzten zu „hilflosen Helfern“ bei Mobbingtraumata vgl. ebenfalls Bämayr a.a.O. A 1811 ff.

Manuskript 2005