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Psychotherapie von Mobbingopfern

Formale und inhaltliche Probleme erschweren eine adäquate Psychotherapie

Die Einstufung von gemobbten Patienten als „Opfer“ von Gewalthandlungen ist juristisch  anerkannt und findet ihre Rechtfertigung in Musterentscheidungen des Landesarbeitsgerichts Thüringen und im Handbuch „Mobbingrechtsschutz“ (12).

Wenn ein Mobber behauptet, selbst das Mobbingopfer zu sein, lässt sich dies aus psychodynamischen Gründen meist problemlos widerlegen. Mobber suchen keine Therapeuten auf, da sie bei fehlender Einsicht in ihre Störung kein Krankheitsgefühl und keinen Leidensdruck aufweisen, zumal sie sich als „Gewinnertypen“ alleine durchzusetzen vermögen. Mobber gehen erst dann zum Arzt, wenn sie durch einen noch übleren Mobber zum Mobbingopfer werden.

Die Erkrankung von Mobbingopfern lässt sich nach einer ausführlichen Mobbinganamnese unter Hinzuziehung des LIPT-Fragebogens als „Mobbingsyndrom“ in 4 Stadien einteilen:

Stadium 1 Akute Belastungsreaktion (ICD 10 F 43.0).
Stadium 2 „Kumulative“ traumatische Belastungsstörung (ICD 10 F 43.9)
Stadium 3 Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) (ICD 10 F 43. 1)
Stadium 4 Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD 10 F 62.0)

  • Ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung (ICD 10 F 60.6) beim stillen Dulder des Mobbing oder nach dem verlorenen Kampf gegen das Mobbing,
  • Paranoide Persönlichkeitsstörung (ICD 10 F 60.0) nach besonders „subtilem“ Mobbing,
  • Obsessive Persönlichkeitsstörung usw.

Die Symptomatik entspricht den jeweiligen Diagnosen. Daneben können sich in allen Stadien folgende für das Stadium 2 charakteristischen Symptome finden:

  • biphasisches Auftreten von Depression und Angst im Wechsel mit Aggressionen,
  • massive Verunsicherung mit Einbruch des Selbstwertgefühls,
  • zunehmendes Vermeidungsverhalten,
  • Schlafstörungen mit Grübelzwängen,
  • Substanzmissbrauch durch Angst und Schlafstörungen,
  • eingeengtes Denken an den Konflikt, woraus sich die Plausibilität für Mobbing ableitet, wenn entsprechende Handlungen mit entsprechender Intention vorliegen,
  • hypervigilante Kognition betreffend den Mobbingkonflikt,
  • eingeschränkte Kognition im Alltag,
  • psychosomatische Funktionsstörungen (v.a. Bewegungs-/Magen-Darm-Bereich),
  • Entwicklung einer Phobie gegen Fremdbestimmung.

Die Prävention eines „Mobbingsyndroms“ entzieht sich jeder medizinischen Beeinflussung. Da also die Krankheitsursache keinem Therapeuten zugänglich ist, ist auch die Behandlung von Mobbingopfern erschwert. Dennoch richtet sich die Behandlung danach, ob das Mobbingopfer noch von weiteren Mobbinghandlungen bedroht ist oder die Erkrankung eine Folge eines abgeschlossenen Mobbingkonflikts ist.

Ist der krankmachende Mobbingkonflikt beendet, erfolgt die Behandlung entsprechend der oben angegebenen Diagnosen.

Ist das Mobbingopfer jedoch von weiteren Mobbinghandlungen bedroht, ergeben sich erhebliche  Probleme bei der Behandlung der Psychopathologie von Mobbingopfern (13). Neben einer symptomatischen Behandlung ist eine pragmatische Psychotherapie erforderlich, da eine alleinige pharmakologische und/oder psychiatrische Behandlung nicht ausreicht, um die Erkrankung zu bessern oder drohende Persönlichkeitsstörungen zu vermeiden. Obwohl eine Psychotherapie von Mobbingopfern entsprechend der Lehre der Psychotraumatologie erforderlich ist (4), stößt jedoch die Durchführung auf erhebliche formale und inhaltliche Schwierigkeiten.

Formale Psychotherapieprobleme

Die Psychotherapierichtlinien (9) lassen für einen Patienten nur eines der drei folgenden zur Verfügung stehenden Psychotherapieverfahren zu: Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Therapie oder Psychoanalyse. Die Psychoanalyse kommt für Mobbingopfer nicht in Betracht. Die alleinige tiefenpsychologische Psychotherapie ist für Mobbingopfer, von Ausnahmen abgesehen, kontraindiziert. Die alleinige Verhaltenstherapie ist bei Mobbingopfern um so problematischer, je dirigistischer sie entlang von Richtlinien praktiziert wird.

Die Behandlung von Mobbingopfern bedarf erfahrungsgemäß einer psychotherapeutischen „Kombinationstherapie“ unter Ausschöpfung der „Methodenvielfalt“, um eine Compliance mit Aussicht auf Erfolg erzielen zu können. Die "Phobie gegen Fremdbestimmung“ beim Mobbingopfer erfordert eine „nondirigistische“ Verhaltenstherapie mit bedarfsgerechter Einflechtung tiefenpsychologischer Verfahrenstechniken in Verbindung mit einer in der Psychotherapie unüblichen „parteilichen Unterstützung“ (1).

Unter Aufhebung der medizinischen Entscheidungskompetenz des Therapeuten wird jedoch solch ein Psychotherapieantrag im Rahmen des Gutachterverfahrens aus formalen Gründen grundsätzlich abgelehnt (2), wie z.B. mit folgender gutachterlicher Entscheidung:

       „Die Behandlungsbedürftigkeit des Patienten stelle ich nicht in Frage.“.......
       “Als notwendig werden null Sitzungen zugesagt.“

Dieser formale Ausschluss der Kombinationstherapie hat seine Ursache in den Psychotherapierichtlinien, welche nur eine einseitige psychotherapeutische Ausbildung entweder in Psychoanalyse, der Tiefenpsychologie oder in der Verhaltenstherapie vorsehen. Anhand dieser Richtlinien wird der Therapeut auch in der Ausübung formal auf sein erlerntes Verfahren fixiert, obwohl mit zunehmender praktischer Erfahrung jeder Therapeut das andere Verfahren mehr oder weniger gekonnt in die Therapie einfließen lässt. Offiziell darf dies kein Therapeut zugeben, selbst der nicht, der für zwei oder gar alle drei Verfahren zugelassen ist.

Durch die formale Ablehnung der psychotherapeutischen Kombinationsbehandlung unter Ausschöpfung der Methodenvielfalt werden Mobbingopfer mit hieraus resultierenden erheblichen Folgekosten für das Sozialversicherungssystem zusätzlich traumatisiert. Dieser Ausschluss der Psychotherapie für Mobbingopfer belegt die fortschrittshemmende Wirkung von Richtlinien, welche Mobbingopfern das Recht auf Leistungen entziehen, welche ihnen jedoch unter Einbeziehung des medizinischen Fortschritts zustehen (SGB V § Abs. bs 1 Satz 3).

Inhaltliche Psychotherapieprobleme

Bisher ist unbestritten, dass ein psychotherapeutisches Vorgehen bei Mobbingopfern indiziert ist. Dennoch mussten viele Mobbingopfer die Erfahrung machen, dass sich die Therapie nicht nach ihren Bedürfnissen richtete, sondern dass ihnen Psychotherapieverfahren übergestülpt wurden, welche teils sogar opferbeschuldigend die „kumulative traumatische Belastungsstörung“ verstärkten (1,6). Die Ursache liegt in einer ungenügenden Erforschung der Therapie von Mobbingopfern mit der Folge einer Aussparung der gesamten Mobbingproblematik in der psychiatrisch/psychotherapeutischen Ausbildung. Es existieren bisher nur zwei Abhandlungen über die Behandlung von Mobbingopfern auf dem Boden von Erfahrungen einer psychosomatischen Klinik (10) und den Erkenntnissen eines ambulant tätigen Psychiaters und Psychotherapeuten (11). Ein wissenschaftlich allgemein anerkanntes Behandlungsverfahren existiert nicht. Dies verwundert nicht, zeigt doch die Erfahrung, dass die Behandlung von Mobbingopfern auf so erhebliche zeit- und nervenaufreibende, therapeutische und formale Schwierigkeiten stößt, dass niedergelassene Therapeuten im Regelfall vor diesen Schwierigkeiten kapitulieren. In diesen Fällen bestätigt sich für die Mobbingopfer die charakteristische Erfahrung, dass nahezu alles zu ihren Ungunsten ausgelegt und entschieden wird.

Wenn sogar medizinisch ausgebildete Helfer dazu neigen, Mobbingopfer abzulehnen, stellt sich die Frage, ob dies in einen Zusammenhang mit der Pathologie des Mobbing-Opfers gebracht werden kann? Fest steht, dass Mobbing-Opfer als schwierige Klientel erscheinen, die selbst die Geduld von professionellen Helfern (Psychologen, Ärzte, Betriebsräte, Personalchefs, Rechtsanwälte, Richter usw.) auf eine harte Probe stellen. Mit der prämorbiden Persönlichkeit des Mobbing-Opfers kann diese ablehnende Haltung kaum etwas zu tun haben, schließlich sind Therapeuten gewohnt, alle Patienten mit allen Störungen zu behandeln. Die Abweisung von Mobbingopfern muss also mit deren Wirkung auf professionelle Helfer zusammenhängen.

Die Ursache dürfte vorrangig im durch Mobbing entstandenen „Misstrauen“, in der „Phobie gegen Fremdbestimmung“ und der „Gereiztheit“, sowie dem zeitraubenden sthenischen Vortrag liegen, den Helfer in Ermangelung von Beweisen von den tatsächlich erfahrenen Ungerechtigkeiten und dem Psychoterror zu überzeugen. All dies erschwert eine empathische Beziehungsaufnahme zu Mobbingopfern. Aufgrund dieser Pathologie zwingt das Mobbingopfer unbewusst den Helfer zu einer Reaktion, entweder dem Mobbingopfer uneingeschränkt beizustehen oder sich abzuwenden. Eine neutrale Rolle lässt das Mobbingopfer genau so wenig zu wie ein überfallenes Opfer auf der Straße. Wer wegsieht, unterstützt den Täter. Wer hilft, unterstützt das Opfer. Während gut ausgebildete Helfer eher beistehen, lassen sich Laien und schlecht ausgebildete Helfer lieber nicht in Konflikte hineinziehen. Nicht oder mangelhaft ausgebildete Therapeuten geraten deshalb als „Hilflose Helfer“ rasch in eine unzulässige Gegenübertragung und lehnen daher das Mobbingopfer ab. Je schwieriger der Zugang zum Mobbingopfer ist, um so größer ist die Gefahr, selbst in den „Mobbingstrudel“ hineinzugeraten.

All dies erklärt jedoch nicht, warum auch andere an der Aufarbeitung des Mobbing befasste Institutionen und deren ungefährdete Entscheidungsträger häufig zum Nachteil des Mobbingopfers agieren, was Mobbingopfer regelmäßig als Fortsetzung des Mobbing empfinden. Dieses Phänomen lässt sich nur tiefenpsychologisch erklären, wenn intrapsychische Machtstrukturen aufgedeckt werden. Mobber und Entscheidungsträger weisen häufig eine innere Übereinstimmung auf, nämlich in stärkerem Maße Macht ausüben zu wollen, weshalb Entscheidungsträger eher dazu neigen, im Sinne der Mobber zu entscheiden. Damit wird klar, dass nicht nur Therapeuten, sondern auch Entscheidungsträger in anderen Bereichen, wie Betriebsräte, Gewerkschafter, Krankenkassen, Gutachter, Richter usw. ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Machtstreben aufweisen, so dass auch formale Entscheidungen in hohem Maße von der persönlichen Grundstruktur des Entscheidungsträgers abhängen. Mit Sachautorität ausgestattete Personen entscheiden eher im Sinne des Mobbingopfers und bestätigen z.B. als Gutachter die Arbeitsunfähigkeit. Ein amtsautoritärer Gutachter dagegen vollzieht die Vorgaben der Krankenkasse zur Eindämmung der Arbeitsunfähigkeit willig und zeigt dem behandelnden Arzt und dessen Patienten, wer die Entscheidungsgewalt hat. Ein solch amtsautoritärer Gutachter zeigt auch keinerlei Hemmung, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung des Therapeuten aufzuheben und das Mobbingopfer wieder dem Psychoterror des Mobbing auszusetzen. In völliger Verkehrung der Realität werden dann solch verheerende Entscheidungen wie folgt begründet:

„die Fortsetzung der Arbeitsunfähigkeit ist für die Gesundheit und die Lebensdauer der Patientin längerfristig als ausgesprochen ungünstig und fatal anzusehen“ (7).

Die akute Suizidalität des betroffenen Mobbingopfers ist auf eine solche mobbingtypische Anmaßung des „alleinigen Deutungsrechts“ des amtsautoritären Entscheidungsträgers nahezu zwangsläufig.

Derartige Gegenübertragungen von medizinischen Gutachtern zum Nachteil des Mobbing-Opfers lassen dem Therapeuten keine andere Wahl, als unter Aufhebung jeglicher Neutralität eine parteiliche Unterstützung zu praktizieren, womit bei Aufhebung der Arbeitsunfähigkeit oder einer Ablehnung einer Psychotherapie im Rahmen des Gutachterverfahrens die Prämisse der Neutralität des Psychotherapeuten ad absurdum geführt wird, zumal seine Entscheidung mit konträrem Ergebnis gleich mit begutachtet worden ist. Aufgrund des hieraus resultierenden zeitlichen und psychisch belastenden Aufwands ziehen sich viele Therapeuten aus der Behandlung von Mobbingopfern zurück mit der Folge einer katastrophalen medizinischen Unterversorgung von Mobbingopfern.

Verhaltenstherapeutische Problematik

Erfahrungsgemäß scheitert eine richtlinienkonforme dirigistische Verhaltenstherapie, wenn sie auf ein Mobbingopfer mit dem charakteristischen Symptom einer „Phobie gegen Fremdbestimmung“ prallt. Wirken wohlgemeinte Ratschläge dirigistisch oder stimmen gar mit der Absicht der Mobber überein, das Mobbingopfer aus dem Betrieb zu entfernen - „sie müssen kündigen!“ -, wehrt das Mobbingopfer diese „Therapie“ mit zunehmender Vehemenz bis hin zum Abbruch der Therapie ab, wodurch die Neigung zur Obsession mit der Gefahr einer „querulatorischen Persönlichkeit“ gefördert wird.

Da eine dirigistische Verhaltenstherapie im Regelfall bei der Behandlung von Mobbingopfern scheitert, ist die nondirigistische Verhaltenstherapie besser geeignet, das Arzt-Patient-Verhältnis auf eine Vertrauensbasis zu stellen.

In Übereinstimmung mit klinischen Erfahrungen (10) muss folglich dem Mobbingopfer die Entscheidung überlassen werden, entweder gegen das Mobbing anzukämpfen oder aus der Mobbingsituation in Form eines Auflösungsvertrags, einer Kündigung oder einer vorzeitigen Berentung zu entfliehen oder das Mobbing trotz drohender Verschlimmerung des Gesundheitszustandes weiter zu erdulden. Als Therapeut ist man gezwungen, dem Mobbingopfer - wie ein Bergführer - die Wahl des Gipfels, die Ausrüstung, den Weg zum Gipfel, die Aufbruchszeit, das Tempo, die Pausen zu überlassen. Man kann es nur beraten, begleiten, auf Gefahrenstellen aufmerksam machen, sichern, zur Umkehr mahnen, beim Absturz auffangen. Laufen muss das Mobbingopfer selbst.

Neben der Empathie sollte der Therapeut die Fähigkeit besitzen, gemeinsam mit dem Mobbingopfer eine beruflichen Situationsanalyse zu erheben und eine Hilfestellung zur Entscheidungsfindung für das weitere Vorgehen zu geben.

Zur Situationsanalyse gehören:

  • Erstellung eines „Soziogramms“ der zwischenmenschlichen Beziehungen im Betrieb,
  • Erkennung des Grundprinzips des „Agierens von Mobbern“,
  • Erkennung des Grundprinzips des „Reagierens von Mobbingopfern“,
  • Identifikation des vermutlichen Initiator des Mobbing,
  • Suche nach dem Motiv des oder der Mobber.

Nach der Situationsanalyse steht die Entscheidungsfindung für das weitere Vorgehen an, die nur selten aufgrund der Ambivalenz bei Mobbingopfern unveränderlich steht.

Entscheidet sich das Mobbingopfer zum Kampf gegen das Mobbing, empfiehlt sich:

  • Entwicklung von Abwehrstrategien auf dem Boden praktikabler Mobbingliteratur (3,8),
  • Suche von Verbündeten und Helfern innerhalb und außerhalb des Betriebs,
  • Übergang vom mobbingtypischen Reagieren zum Agieren,
  • Einsatz von Abwehrmaßnahmen in Form von Attesten, Stellungnahmen und Gutachten.

Entscheidet sich das Mobbingopfer zur Flucht, empfiehlt sich die ärztliche Unterstützung bei den regelmäßig auftretenden Hürden mit Krankenkassen, Arbeitsämtern usw.

Entscheidet sich das Mobbingopfer zum weiteren stillen Erdulden des Mobbing, werden weitere krankmachende Mobbinghandlungen das Mobbingopfer immer kränker machen. Eine Weiterführung der Verhaltenstherapie ist quälend und frustrierend.

Ziel der nondirigistischen Verhaltenstherapie ist es, das Mobbingopfer in die Lage zu versetzen, die Mobbingkonstellation, wie auch immer, aufzulösen und die Folgen des Psychoterrors zu reduzieren, um die drei Spätfolgen des Mobbing zu vermeiden: die „gebrochene“, „paranoide“ oder obsessive „querulatorische“ Persönlichkeit.

Kompliziert ist die nondirigistische Verhaltenstherapie durch unvermeidbare Umstände, die sich sowohl dem Patienten als auch dem Therapeuten entziehen, wenn die Mobber mit erneuten Schikanen, Rechtsübergriffen und dergleichen den Psychoterror fortsetzen, wobei es die Aufgabe des Therapeuten ist, mit dem Mobbingopfer zu beratschlagen, wie derartige Schikanen bewältigt oder abgestellt werden können und ob der Kampf gegen das Mobbing überhaupt eine Aussicht auf Erfolg hat oder ob das Mobbingopfer lernt, sich nicht länger als Opfer zur Verfügung zu stellen.

Tiefenpsychologische Problematik

Die fehlende Eignung tiefenpsychologischer Verfahren ergibt sich aus der Tatsache, dass es sich bei der Erkrankung des Mobbingopfers um keine neurotische Störung handelt, deren Ursache in der Biographie zu suchen ist. Auch die mangelnde Abwehrfähigkeit von Psychoterror stellt keine neurotische Störung dar. Schließlich dürfte kein psychisch normal entwickelter Mensch Reaktionsmuster in der Kindheit entwickelt haben, wie es als Opfer Psychoterror oder andere Übergriffe adäquat abwehren kann. Die tiefenpsychologische Suche nach den Ursachen des Mobbing in der Biographie oder in der Persönlichkeitsstruktur des Patienten bzw. die Unfähigkeit zu adäquaten Abwehrmaßnahmen empfindet die Mehrzahl der Mobbingopfer als Opferbeschuldigung. Auf eine Opferbeschuldigung antwortet das Mobbingopfer meist mit einem Therapieabbruch, wie dies im ambulanten und stationären Bereich häufig zu beobachten ist. Bricht das Mobbingopfer die Therapie nicht ab, besteht entweder die Gefahr einer Verstärkung der Depression bis hin zur Suizidalität oder die Gefahr einer selbst beschuldigenden Verinnerlichung der direkten oder indirekten Opferbeschuldigung durch den Therapeuten, was den Patienten aufgrund der Diskrepanz zwischen der Realität und der therapeutischen Interpretation jedoch in eine arge und pathologische Identitätskrise zu stürzen vermag. Zutiefst verunsichert kann sich diese Identitätskrise bis hin zur schizoiden und misstrauischen Persönlichkeit verstärken. Die Unsinnigkeit der reinen tiefenpsychologischen Behandlung eines Mobbingopfers mit der hieraus resultierenden Suche nach der Ursache in der Biographie des Opfers ergibt sich aus dem Vergleich mit einem organischen Trauma, wonach kein Arzt an eine  Erhebung einer biographischen Anamnese denkt, wenn das Trauma durch einen Blitzschlag verursacht ist.

Selbstverständlich können auch Mobbingopfer prämorbide neurotische Störungen aufweisen, welche zu Beginn der Behandlung auszusparen sind, welche sich aber im Laufe der Behandlung als behandlungsrelevant erweisen können. Eine vorrangige tiefenpsychologische Behandlung in Kombination mit der Verhaltenstherapie ist nur dann indiziert, wenn die traumatische Belastungsstörung nicht nur auf Mobbing beruht, sondern bereits weitere Psychotraumata vorausgegangen sind, wie beispielsweise sexueller Missbrauch in der Kindheit, Vergewaltigungen, Überfälle, Psychoterror in der Familie. In Einzelfällen muss sogar die Verhaltenstherapie komplett eingestellt werden, wenn Patienten eine so schwere neurotische Grundstörung aufweisen, dass sie nicht in der Lage sind, die verhaltenstherapeutischen Aspekte ohne Verschlimmerung der neurotischen Erkrankung zuzulassen. Gelegentlich mag die Ursache des Mobbing in der Persönlichkeitsstörung des Mobbing-Opfers liegen, wie im Rahmen einer prämorbiden Psychose. Aber auch dieser Umstand rechtfertigt nicht den Psychoterror des Mobbing, sondern nur eine adäquate medizinische Behandlung.

Kombinationstherapie von Mobbingopfern unter Ausschöpfung der Methodenvielfalt

Die Behandlung von Mobbingopfern ist hochgradig zeitaufwendig. Eine erfolgversprechende Behandlung gelingt im Regelfall nur unter Ausschöpfung fundierter psychotherapeutischer Fachkenntnisse primär im verhaltenstherapeutischen, sekundär im tiefenpsychologischen Bereich, oft auch psychiatrischer und psychopharmakologischer Kenntnisse. Selbst die Anwendung dieser  Methodenvielfalt reicht oft nicht aus und bedarf zusätzlichen beratenden und unterstützenden Intervention. Der Ersatz der üblichen neutralen Position des Psychotherapeuten durch die von Psychotraumatologen geforderte „parteiliche Abstinenz“ reicht nicht aus. Eine erfolgreiche Behandlung von Mobbingopfern bedarf der „parteilichen Unterstützung“, wie sie bedingt durch häufige Fehlentscheidungen der Medizinalbürokratie (Feststellung der Arbeitsfähigkeit oder Ablehnung der Psychotherapie nach Aktenlage) förmlich heraufbeschworen wird. Das durch die Pflicht zur Hilfeleistung erzwungene Erfordernis einer „parteilichen Unterstützung“ des Mobbingopfers ist durch den andauernden Psychoterror im Rahmen der kumulierenden psychotraumatischen Situation bedingt, während bei der posttraumatischen Belastungsstörung das Trauma meist abgeschlossen ist, so dass die „parteiliche Abstinenz“ genügt.

Da sowohl die isolierte herkömmliche dirigistische Verhaltenstherapie als auch die isolierte tiefenpsychologische Behandlung zur Therapie von „kumulativen traumatischen Belastungsstörungen“ ungeeignet ist und den Gesundheitszustand des Patienten sogar verschlimmern kann oder vom Patienten abgebrochen wird, ist eine Lösung zur Umsetzung einer Behandlung entsprechend dem „medizinischen  Fortschritt“ zu finden. In Ausübung der Sorgfaltspflicht ist bei Mobbingopfern die psychotherapeutische „Methodenvielfalt“ mit den kassenrechtlich zugelassenen Verfahren indiziert und in Anbetracht fehlender anderer Behandlungsalternativen zuzulassen, nachdem der Patient einen im SGB V fixierten Rechtsanspruch auf eine Behandlung entsprechend dem medizinischen Fortschritt hat (SGB V § 2 Abs. 1 Satz 3).
 
Der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit der Methodenvielfalt mag schwierig sein. Dies kann aber keinen Grund darstellen, die in der Praxis bewährte Methodenvielfalt zum Nachteil von Patienten zu unterbinden. Vielmehr bedarf es erhöhter Anstrengungen universitärer und klinischer Institutionen sowie Psychotherapiegesellschaften, unter Einbeziehung multidisziplinärer Kenntnisse aus den Bereichen Psychiatrie, Psychologie, Arbeitsmedizin, Wirtschaftsökonomie, Politikwissenschaft, Soziologie, Pädagogik, Jurisprudenz den besten Weg zu finden, Patienten erfolgreich zu behandeln und gleichzeitig dem Mobbing ein klares Stoppsignal entgegen zu setzen.

Die erforderliche Flexibilität der Psychotherapie bei Mobbingopfern hat auch den unberechenbaren Zeitfaktor zu berücksichtigen, auf den das Mobbingopfer und der Therapeut keinen Einfluss nehmen können. Jahrelang andauernde Erkrankungen bei Mobbingopfern vertragen bei völlig unberechenbarem Ausgang kein therapeutisches Zeitlimit, weshalb die Genehmigung eines vorgegebenen Zeitkontingents in der Psychotherapie unsinnig ist. Erfahrungsgemäß ist ein niederfrequenter Vierwochenrhythmus der Therapiesitzungen bis auf Krisenzeiten ausreichend.
 
Soweit die verheerende psychotherapeutische Unterversorgung und Falschbehandlung von Mobbingopfern dadurch bedingt ist, dass Psychotherapien bei Mobbingopfern aus formalen Gründen nicht durchführbar sind, weil die Methodenvielfalt nicht zugelassen ist, ist dieser Missstand umgehend zu beseitigen. Die Folgekosten des Mobbing durch inadäquate ambulante und klinische Behandlungen mit hieraus resultierenden verlängerten Krankheits- und Arbeitsunfähigkeitszeiten und vorzeitigen Berentungen sind viel zu hoch, als dass sich unsere Gesellschaft diesen Missstand leisten kann, Mobbingopfern weiter eine adäquate psychotherapeutische Versorgung aus formalen Gründen zu erschweren oder zu versagen.

Literaturverzeichnis

  1. Bämayr, A: Mobbing, Hilflose Helfer in Diagnostik und Therapie“, Dtsch Ärztebl 2001: A 1811-1813 (Heft 27)
  2. Bämayr, A: Gutachterverfahren vor Psychotherapien, Eine Form der strukturellen Gewalt, Dtsch Ärztebl 2002; 99: PP 345-348 (Heft 8)
  3. Esser, A, Wolmerath, M: Mobbing, Der Ratgeber für Betroffene und ihre Interessenvertretung, 4. Aufl. Frankfurt/Main, 2002; Bund-Verlag
  4. Fischer, G, Riedesser, P: Lehrbuch der Psychotraumatologie. München, Basel 1998, Reinhard-Verlag
  5. Heilmann, J: Mobbing & Querulanz, in: M. von Saldern: Mobbing; Betriebspädagogik aktuell, Band 4: 43-67, Schneider Verlag, Hohengehren 2002
  6. Leymann, H: Der neue Mobbing-Bericht, Reinbek bei Hamburg 1995: Rowohlt
  7. Medizinischer Dienst der Krankenkassen von Bayern (Coburg): aus einem psychiatrischen Gutachten vom 2.12.1999
  8. Pardoe, B.L: Karriere im Minenfeld, Subversive Strategien zur Selbstverteidigung am Arbeitsplatz, Frankfurt/New York, Campus Verlag 1999
  9. Psychotherapierichtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen in der Fassung vom 11. Dezember 1998
  10. Schwickerath, J: „Mobbing am Arbeitsplatz, Aktuelle Konzepte zu Theorie, Diagnostik und Verhaltenstherapie“, Psychotherapeut 2001, 46:199-213, Springer-Verlag 2001)
  11. Teuschel, P: Mobbing: Dynamik – Verlauf – gesundheitliche und soziale Folgen, Schattauer, 30. November 2009
  12. Wickler, P.: Handbuch Mobbing-Rechtsschutz, C.F. Müller Verlag, Heidelberg, 2004
  13. Zapf, D: Mobbing in Organisationen, Überblick zum Stand der Forschung, Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie1999 I: 1-25

Manuskript 2010